HALBSCHATTEN

Nach dem Roman von Uwe Timm
Erstdramatisierung von Johannes Kaetzler und Gerhard Seidel
Uraufführung


Uraufführung/Premiere am 27. Februar 2009

Helden

Fotos ©MEYER ORIGINALS

2009 jährte sich die Gründung der Bundesrepublik Deutschland zum 60. Mal, Anlass für das FWT, diesem Jubiläum seine Neuproduktion „Halbschatten“ zu widmen.

Im kurzen, schillernden Leben der Flugpionierin Marga von Etzdorf (1907-1933) bündeln sich die deutschen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts: In den Zwanzigerjahren brach sie in die Männerdomäne der Fliegerei ein und erregte mit ihren Transkontinentalflügen weltweit Aufsehen. Ihr Selbstmord im syrischen Aleppo ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.

Die Bühnenfassung des FWT ruft die faszinierende junge Frau, die auf dem Berliner Invalidenfriedhof begraben liegt, wieder ins Leben zurück und verknüpft ihr Schicksal mit dem weiterer (historischer wie frei erfundener) Figuren, die aus der Ferne wie aus der Nähe ihr Leben begleitet und ihre Lebensumstände beeinflusst haben. Zu ihnen gehört der Diplomat Christian von Dahlem, mit dem sie in Japan eine Liebesnacht des Erzählens verbringt, aber auch ein Fliegergeneral, ein Schauspieler und eine Luftwaffenhelferin.
"Halbschatten" versammelt mehr als zwanzig Figuren - Tote zumeist, aber auch Lebende - , die sich in Monologen, intimen Zwiegesprächen oder Zwischenrufen miteinannder in Beziehung setzen. Raum und Zeit sind dabei aufgelöst; weit von einander entfernte Orte wie Berlin und Hiroshima rücken nebeneinander, und die Erinnerungen der Sprechenden springen zwischen Jahre auseinander liegenden Ereignissen ungehindert vor und zurück.

Das FWT brachte die Dramatisierung des Romans von Uwe Timm als erstes deutschsprachiges Theater auf die Bühne.

"Der Flug ist das Leben wert."
Inschrift des Grabsteins Marga von Etzdorfs auf dem Berliner Invalidenfriedhof

Der strahlende Fliegerruhm Marga von Etzdorfs, aber noch mehr die ungeklärten Umstände ihres Selbstmords am 28. Mai 1933 veranlassten Uwe Timm, sie zur zentralen Figur seines Romans "Halbschatten" zu machen:
"Der Invalidenfriedhof ist ein hoch verdichteter Ort deutscher Geschichte, und zwar einer ganz bestimmten Richtung der Geschichte, nämlich der gewaltsamen. Als ich zum ersten Mal über diesen Friedhof ging, nachdem die Mauer geöffnet worden war, lag unter all den Militärs, Majoren, Obristen, Jagsfliegern, eine Frau." Uwe Timm

"Die Japaner sagen, es sei die Dämmerung, in der die Dinge aus sich heraustreten; sie werden sie selbst. Nicht im hellen Licht der Sonne, sondern im Halbschatten, in diesem Moment vom Übergang der Dinge ins Dukel, aus dem sie hervortreten und in dem sie auch wieder vergehen."
Halbschatten, aus der Bühnenfassung von Johannes Kaetzler und Gerhard Seidel

Mit Ingrid Berzau, Torben Krämer, Peter Liebaug Dieter Scholz, Alexandra Sydow | Stimme Scharführer Josef Tratnik | Violinsolo Pierre-Alain Chamot | Inszenierung und Bühne Johannes Kaetzler | Dramaturgie Gerhard Seidel | Kostüme Judith Kehrle | Regieassistenz Nina Boos | Licht und Ton Werner Dittrich | Bühnenbau Michael Köser | Maske Heike Helbach

Im Rahmenprogramm zur Inszenierung fand am 3. März 2009 eine Autorenlesung mit Uwe Timm aus seinem im Jahr 2008 erschienenen Roman "Halbschatten" im Freien Werkstatt Theater statt.

Presse

"Die Konzentration auf Text und Personen gibt der Inszenierung ihren Sog. Eine kluge und stilsichere Inszenierung." Kölnische Rundschau

"Das intensive Spiel vermittelt nicht nur eine wahnsinnige Stimmung, sondern auch Wissen über eine Zeit, an die sich bald kaum noch einer erinnern kann. Ein spannender Theaterabend auf höchstem Niveau, der noch Raum und Zeit für eine Botschaft hat. Unbedingt sehenswert." theater pur

"Regie und Darsteller setzen Uwe Timms lyrische Prosa eindrucksvoll um und machen den Sündenfall Deutschlands im Dritten Reich fassbar. Alexandra Sydow wird der facettenreichen Protagonistin Marga von Etzdorf absolut gerecht. Die elegante Lichtregie erschafft lang nachwirkende Bilder." PRINZ

"Nebelschwaden ziehen über die Friedhofslandschaft auf der Bühne des Freien Werkstatt Theaters. Die Vorlage des Stückes, „Halbschatten“ von Uwe Timm, spielt auf dem Invalidenfriedhof in Berlin, wo die Seelen von Kriegshelden und -verbrechern keine Ruhe finden. So erscheinen im Nebel gespenstisch wirkende Feldherren, Generäle und Soldaten und erzählen von ihrem Leben und ihrem Tod, kreisen dabei um ihre jeweils eigene Lebensgeschichte und ihre Kriegstraumata. Unter den Toten ist eine Frau. Marga von Etzdorf war eine der ersten deutschen Fliegerinnen. Sie erschoss sich 1933 nach einer Bruchlandung. Aus Scham über den Anfängerfehler, wurde vermutet. In Uwe Timms Roman findet sich ein weiteres Motiv. Dort leidet Marga unter einer unglücklichen Liebe zu der fiktiven Figur des deutschen Diplomaten Christian von Dahlem. Die Liebesgeschichte ist das Gerüst, welches das Gewirr verschiedener biografischer Bruchstücke zu einem erzählerischen Ganzen zusammenfügt. Die Uraufführung der von Regisseur Johannes Kaetzler in Zusammenarbeit mit Gerhard Seidel dramatisierten Romanvorlage legt den Fokus auf die Geschichte der sich anbahnenden Liebe, ihr kurzes, heftiges Aufflackern und ihren Verrat durch Dahlem. So entwickelt die Inszenierung einen dramatischen Drive (...). Die Figur des Entertainers und Schauspielers Anton Miller, der wegen eines regimekritischen Witzes gehängt wurde, hat ebenfalls besondere Daseinsberechtigung auf der Bühne. Denn er weiß die Liebesgeschichte zwischen Marga und Christian von Dahlem aus einem anderen Blickwinkel zu erzählen. Miller war selbst in Marga verliebt, hatte aber eine Affäre mit der Geliebten des Holocaust-Organisators Heydrich. Anders als im Roman ist es diese Geliebte, die Miller auf dem Friedhof besucht und die Funktion der Haupt-Erzählerin übernimmt. Ingrid Berzau glänzt in der Rolle als traurige Frau mit dem nüchternen Blick auf die Dinge. Dieter Scholz spielt mitreißend den Befehle donnernden Friedrich II. oder auch den machohaften Mix aus Frauenaufreißer und Fliegergeneral. Peter Liebaug bringt in der Rolle des Schauspielers Anton Miller ein wenig Schalk ins Spiel. Alexandra Sydow ist eine etwas süße Version der als schön, aber herb und burschikos beschriebenen Marga von Etzdorf, verhilft aber mit ihrem temperamentvollen, souveränen Spiel der wichtigen Rolle zu der angemessenen Größe. So ist die schwierige theatralische Umsetzung des komplizierten poetischen Blicks auf die düstersten Winkel deutscher Geschichte mit der atmosphärischen Inszenierung absolut geglückt." Kölner Illustrierte